Bei den Buschmann in der Kalahari/Namibia

Bei den Buschmann
der Kalahari

Kunidao – Geschichten der Buschmann

Erzählt von Matthias Blaß

Die ersten zwei Geschichten hörte ich eines abends bei den Buschleuten. Wie es dazu kam, habe ich hier beschrieben:

Der Tag, an dem wir den Springhasen fingen

Der Springhasenstock

Eines Tages lief Kunidao durch den Busch. Da plagte ihn sein Lederschurz, der störrig geworden war. Deshalb zog Kunidao seinen Schurz aus und während er weiterging, walkte er ihn mit den Händen, damit er wieder weich werde. So kam Kunidao am Bau eines Springhasen vorbei. Der Hase befand sich vor dem Eingang und tanzte herum. Als Kunidao das sah, sprach er zu dem Hasen: "Wie schön Du dort herumtanzt! Möchtest Du nicht meinen Lederschurz anziehen? Dann wird Dein Tanz sicher noch besser aussehen." Der Hase willigte ein, legte den Schurz an und tanzte weiter. Er begann sogar, dabei mit einem Reisigbündel zu fegen, damit sein Eingang schön sauber wird.

Plötzlich fiel Kunidao auf, daß sich dunkle Wolken näherten. Da wollte er lieber nach Hause gehen und sagte zu dem Hasen: "Gib mir bitte den Lederschurz, denn ich möchte ins Dorf zurückkehren. Ich kann ihn Dir nicht lassen, weil er meinem Sohn gehört." Der Springhase antwortete, daß er den Schurz behalten würde. Darauf versuchte Kunidao ihn zu packen, doch war der Hase zu flink und verschwand in seinem Bau.

Also dachte Kunidao nach, wie er den Hasen aus dem Bau bekäme. Er fragte sich das wieder und wieder, bis er in der folgenden Nacht den ersten Springhasenstock baute. Als der Morgen angebrochen war, bohrte Kunidao den Stock in den Bau. Er hakte den Hasen fest, damit er nicht fliehen konnte und grub ihn samt dem Lederschurz aus. Schließlich tötete Kunidao den Hasen, weil er ihn essen wollte. Den ersten Springhasenstock schleuderte er in den Busch, auf daß er sich bei allen Buschvölkern ausbreite. Den Schurz schleuderte er ebenfalls in den Busch, auf daß auch dieser sich bei allen Buschvölkern verbreite. So kamen der Springhasenstock und der Lederschurz zu ihnen.

Kunidao - Geschichten der Buschmann

Die Feuerstöcke

Kunidao besaß kein Feuer. Doch hatte er einen Freund, der es als einziger verwahrte. Kunidao sah, wie seine eigenen Kinder rohes Fleisch essen mußten und er wußte, daß dies nicht gut war. Auch sah er, wie die Kinder seines Freundes geröstetes Fleisch aßen. Deshalb fragte Kunidao seinen Freund, ob er von ihm das Feuer bekommen könne. Der Freund wollte das Feuer aber nicht teilen.

Also faßte Kunidao einen Plan. Er wartete ab, bis sein Freund das nächste Mal auf die Jagd gehen wollte. Wie es soweit war, schlich Kunidao seinem Freund voraus und verwandelte sich in eine Elenantilope. Darauf starb er, um zu einer toten Elenantilope zu werden. Sein Freund erblickte die Antilope von weitem und kam näher. Da stieg Kunidao aus dem verendeten Tier heraus, verwandelte sich in die Rinde eines nahe gelegenen Baumes und ließ seinen Daumen aus der Rinde wachsen.

Als der Freund vorüber kam, sah er in dem Daumen nur einen abgebrochenen Ast. Er hängte seinen Köcher daran, in dem auch die Stöcke waren, mit deren Hilfe er das Feuer rieb. Nachdem der Freund zur Antilope weiter gegangen war, zog Kunidao den Köcher in das Innere des Baumes. Jetzt war er in Besitz des Feuers. Kunidao schleuderte die ersten Feuerstöcke in den Busch, damit sie sich bei allen Buschvölkern verbreiten. So kamen die Feuerstöcke zu ihnen. 

Kunidao - Geschichten der BuschmannKunidao - Geschichten der Buschmann

Die nächste Geschichte gaben die Buschleute bei einem weiteren Besuch im Februar 2012 zum Besten. Wir kamen gerade mit einigen Frauen der Gemeinschaft und deutschen Gästen aus dem Busch zurück, wo wir heilsame und eßbare Pflanzen kennengelernt hatten. Da ich mich ausruhen wollte, setzte ich mich zu ein paar Buschmännern in den Schatten. Koma, den ich in dem Bericht Der Tag, an dem wir den Springhasen fingen bereits als besten Jäger des Dorfes vorgestellt hatte, begann zu erzählen. Andere Männer ergänzten ihn auf meine Nachfragen hin, wobei sie alle ziemlich ausgelassen waren und sich immer wieder selbst schlapp lachten. Es dauerte also eine ganze Weile, bis wir das Ende der Geschichte erreichten...

Frauen und Männer

Kunidao war ein großer Jäger. Eines Tages begleitete er die Frauen des Dorfes in den Busch, die dort sammeln wollten. Da gerade Sommer war, konnte es geschehen, daß unverhofft Regen aufzog. Die Frauen schlugen vor, in ein paar hohlen Bäumen Schutz zu suchen, die sie in der Gegend kannten. Auch Hornbeels, wie Kunidaos Frau genannt wurde, stellte sich in einem dieser Bäume unter. Darauf sprach sie zu ihrem Mann: "Wie Du siehst, zieht gerade Regen auf. Wo wirst Du bleiben, wenn es zu regnen beginnt? Denn momentan hast Du keinen Unterschlupf." Kunidao dachte über ihre Worte nach und antwortete: "Bevor es regnet, werde ich mich hinknien. Ich werde mein gebeugtes Knie solange mit Sand bedecken, bis eine Höhlung entsteht. Diese Höhle wird meine Zuflucht sein."

Kunidao beeilte sich, seine Idee in die Tat umzusetzen. Er formte einen kleinen Unterschlupf über seinem Knie. Als es zu regnen begann, wurde die Sandhöhle allerdings naß, so daß sie schließlich zusammenbrach. Da eilte Kunidao zu seiner Frau, damit sie ihn, oder wenigstens Köcher und Bogen, zu sich ins Trockene nehme. Hornbeels lehnte seinen Wunsch jedoch ab und verschloß den Eingang des Baumes.

Nachdem der Regen vorüber war, machten sich die Frauen auf den Weg ins Dorf zurück. Kunidao blieb alleine im Busch. Sobald seine Jagdausrüstung getrocknet und wieder brauchbar war, wollte er mit ihr sein Glück versuchen. Die Jagd ließ sich aber nicht gut an, da Kunidao sich beständig über seine Frau ärgerte. So kam er an einigen Coffeebüschen vorbei. Als er ihre unreifen Früchte sah, faßte Kunidao einen Plan: Er nutzte seine Kräfte als Medizinmann und befahl den Büschen, ihre Früchte reifen zu lassen. Außerdem gab er den Büschen ein, ihre Früchte wild umherzuschleudern, wenn die Frauen zum Sammeln kämen. Nach diesen Vorbereitungen lief er umgehend zu den Frauen ins Dorf und sprach zu ihnen: "Auf meinem Rückweg sah ich viele Coffeebüsche, deren Früchte bereits reif sind. Ihr solltet nicht versäumen, sie zu sammeln. Morgen werde ich Euch zu ihnen führen."

Also brachen sie am folgenden Tag auf, um die reifen Früchte zu ernten. Die Frauen freuten sich, als sie die besagten Büsche zu Gesicht bekamen. Kaum aber hatten sie die Früchte berührt, schoßen diese wie Pfeile durch die Luft. Die Frauen kreischten, rannten ziellos umher und ergriffen irgendwann die Flucht. Währenddessen rief Kunidao ihnen nach: "Dies ist die Strafe dafür, daß ihr mich mit Pfeil und Bogen im Regen stehen ließet. Jetzt wißt ihr, was es heißt, Kunidao zu verärgern!"

Als die Frauen ihren Schrecken überwunden hatten, kamen sie im Dorf zusammen. Sie wollten sich Kunidaos Bestrafung nicht bieten lassen und ersannen den folgenden Plan: Sie nahmen die Läufe einer jungen Elenantilope, die ein paar Tage zuvor getötet worden war. Hiermit verließen die Frauen das Dorf und legten eine Fährte, bis sie im Schatten eines Busches endete. Dort bedeckten sie eine stattliche Wurzel mit Matsch. Die Frauen formten die nasse Erde und bestreuten sie noch mit rotem Sand, so daß ihr Werk wie eine junge Elenantilope aussah.

Danach begaben sich die Frauen wieder ins Dorf. Sie warteten den richtigen Augenblick ab, bis eine von ihnen zu ihrem Bruder sagte: "Soeben haben wir eine junge Elenantilope gesehen, die im Schatten eines Busches ruhte. Wir wissen, was für ein großer Jäger Du bist. Wenn Du hinaus gehst, werden heute alle Dorfbewohner zu essen haben." Kunidao hörte dies mit an und fuhr dazwischen: "Ihr habt vergessen, daß ich der größte Jäger des Dorfes bin. Wenn Ihr mich zu der Antilope führt, werde ich es Euch beweisen!"

Entschlossen folgte Kunidao den Frauen in den Busch. Als er die Elenantilope erblicke, ergriff ihn sofort das Jagdfieber. Er wollte einen Pfeil aus seinem Köcher ziehen, doch die Frauen hielten ihn zurück. Sie flüsterten: "Wir wollen das weiche Leder der jungen Antilope verwenden und möchten nicht, daß ein Loch darin ist. Du mußt Dich heran schleichen und Dich im letzten Augenblick auf die Antilope stürzen." Kunidao begriff und zeigte den Frauen, wie leise er sich bewegen kann. Schließlich sprang er mit einem Satz auf die Antilope, wobei er so hart auf der verborgenen Wurzel aufkam, daß sein Kopf blutete. Die Frauen lachten und riefen: "Jetzt weißt Du, was es heißt, uns Frauen zu bestrafen!"

Tonbeispiel aus dieser Geschichte...

Kunidao - Geschichten der Buschmann